Amon Amarth: The Allfather Awakens

Bereits 2025 setzten Amon Amarth die Segel in Richtung neues Album, damals mit der Single „We Rule The Waves“, einer Ode an Freiheit, Brüderlichkeit und dem Willen, alles zu erobern – nicht nur fremde Länder, sondern auch die eigenen Grenzen.

Anfang Juli folgte mit „Upphaf“ die erste Akustik-Nummer der Band überhaupt. Die reduzierte Komposition trägt die feierliche Schwere mündlich überlieferter Geschichten in sich, die im Schatten des Allvaters weitergegeben werden, und zeigt, dass die Faszination der Band für Odin im Feuerschein ebenso tief reicht wie auf den großen Bühnen der Welt. „Upphaf“ ist ein bewusst ruhiger Moment, sozusagen die Ruhe vor dem Sturm des kommenden Studioalbums.

Mit The Allfather Awakens legen Amon Amarth ihr mittlerweile 13. Studioalbum vor und schlagen dabei zugleich ein neues Kapitel in ihrer über drei Jahrzehnte andauernden Bandgeschichte auf. Seit ihrer Gründung 1992 im schwedischen Tumba haben sich die Melodic-Death-Metaller zu einer der erfolgreichsten Bands ihres Genres entwickelt. Auch auf dem neuen Album bleiben die großen Themen der Band erhalten: nordische Mythologie, Schlachten, Opfer, Durchhaltevermögen und natürlich Odin, der als „Allvater“ erneut eine zentrale Rolle in den Texten und der visuellen Welt von Amon Amarth einnimmt.

Amon Amarth The Allfather Awakens Cover

Das Album entstand in zwei Aufnahmesessions im Studio von Produzent Jacob Hansen in Dänemark. Die erste fand im Frühjahr 2025 statt, die letzten Aufnahmen wurden im März 2026 abgeschlossen. Ungewöhnlich war dabei vor allem der Entstehungsprozess: Amon Amarth begann bereits während der Tour mit dem Schreiben neuer Songs, anstatt erst nach dem Ende der Konzertreisen ins Studio zu gehen.

Dabei konzentrierte sich die Band jeweils vollständig auf einen einzelnen Song. Erst wenn ein Stück mit Schlagzeug, Gitarren und Gesang komplett fertiggestellt war, ging es an den nächsten. Gitarrist Olavi Mikkonen beschreibt den Ansatz als bewusste Fokussierung darauf, jeden einzelnen Song so gut wie möglich auszuarbeiten. Das Ergebnis ist ein Album, auf dem die einzelnen Stücke stärker für sich selbst stehen können.

Zwischen klassischen Amon-Amarth-Momenten und neuen Ideen

Schon der Opener „Gjallarhorn“ macht deutlich, dass Amon Amarth ihren charakteristischen Sound keineswegs hinter sich lassen. Ein treibendes Gitarrenriff, hohes Tempo und ein eingängiger Refrain machen den Song zu einem Stück, das sich perfekt in den Sound der Band Einfügt. Gleichzeitig finden sich auf The Allfather Awakens einige Elemente, die man von der Band so bislang nicht unbedingt erwartet hätte.

Das deutlichste Beispiel ist „Upphaf“. Der Song ist Amon Amarths erster Ausflug in vollständig akustische Gefilde und basiert auf einer übersetzten Passage aus dem prophetischen Gedicht Völuspá. Ruhigere Gitarren, melodischer Gesang und ein atmosphärischer Aufbau bilden einen deutlichen Kontrast zu den sonst so wuchtigen Songs der Schweden. Trotzdem bleibt der Song unverkennbar Amon Amarth und entwickelt sich zu einem eingängigen, fast schon zum Mitsingen einladenden Moment.

Auch „Eight Legs of Thunder“ entstand aus einer ungewöhnlichen Inspiration. Gitarrist Johan Söderberg hatte zunächst die Musik geschrieben, deren galoppierender Rhythmus bei ihm die Vorstellung von Sleipnir, dem achtbeinigen Pferd Odins, auslöste. Sänger Johan Hegg entwickelte daraufhin die Geschichte rund um diesen Gedanken weiter. In diesem Song hat mir besonders das Gitarrensolo sehr gut gefallen, dass den Song nochmal auf eine andere Ebene hebt.

Musikalisch haben Amon Amarth zudem bewusst an einigen Stellschrauben gedreht. Anstatt den Gitarrensound immer weiter zu modernisieren, kehrte die Band bei den Aufnahmen zu Marshall-Verstärkern zurück und entfernte sich damit etwas vom Einsatz der zuvor verwendeten 5150-Amps. Das sorgt für einen etwas weniger modernen und stärker klassischen Gitarrenklang.

Mein persönlicher Favorit auf dem neuen Album ist Die with a war cry. Ein Song der durchweg nach vorne geht und den Death Metal perfekt verkörpert. Insgesamt haben Amon Amarth mit The Allvater Awakens wieder ein episches Werk erschaffen und die Fans können sich darauf freuen, die neuen Songs auf der anstehenden Tour live zu hören.

Amon Amarth by Sylwia Makris Christian Martin Weiss
Foto: Sylwia Makris & Christian Martin Weiss

Odin als roter Faden

Odin zieht sich erneut wie ein roter Faden durch die Welt von Amon Amarth. Der nordische Gott von Krieg, Weisheit, Tod, Magie und Dichtkunst ist seit jeher eine zentrale Inspiration für die Texte der Band und prägt auch die Bühnenshows. Trotzdem handelt es sich bei The Allfather Awakens nicht um ein klassisches Konzeptalbum. Stattdessen erzählen die Songs unterschiedliche, historisch und mythologisch inspirierte Geschichten über Konflikte, Opfer und den Willen, auch angesichts scheinbar unüberwindbarer Hindernisse weiterzumachen.

Der Titelsong „The Allfather Awakes“ war dabei sogar der letzte Song, der für das Album geschrieben wurde. Weitere Stücke wie „Kvasir’s Blood“ oder „Die With a War Cry“ greifen ebenfalls Motive aus der nordischen Mythologie auf. „Die With a War Cry“ verbindet diese Themen mit einem kämpferischen Appell, der sinngemäß dazu auffordert, sich der eigenen Zerstörung entgegenzustellen und den eigenen Geist zu beherrschen.

Mit „Ascending Like an Eagle“ findet sich außerdem eine direkte Verbindung zu einem früheren Album. Der Song setzt die Geschichte von „Serpent’s Trail“ fort, das auf The Great Heathen Army aus dem Jahr 2022 erschienen ist. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee, Hindernisse mit Ausdauer und Entschlossenheit zu überwinden.

Von Wacken bis zur großen Bühne

Dass Amon Amarth längst weit über die Grenzen der Metal-Szene hinaus bekannt sind, zeigen nicht zuletzt ihre Tourneen und Festivalauftritte der vergangenen Jahre. 2025 war die Band gemeinsam mit Pantera auf deren „Heaviest Tour Of The Summer“ unterwegs. Im selben Jahr standen Amon Amarth außerdem als Support bei den Slayer-Reunion-Shows in Großbritannien auf der Bühne.

2024 spielten sie unter anderem im legendären Red Rocks Amphitheatre in Denver und als Headliner auf mehreren großen europäischen Festivals. Beim Wacken Open Air begeisterte die Band am 3. August 2024 rund 85.000 Zuschauer. Auch beim britischen Bloodstock Festival waren Amon Amarth bereits mehrfach Headliner, während sie beim Summer Breeze mittlerweile acht Auftritte absolviert haben – sechs davon als Headliner.

Ihre Erfolgsgeschichte lässt sich auch an den Charts ablesen. In Deutschland erreichten Amon Amarth mit Jomsviking, Berserker und The Great Heathen Army jeweils die Spitze der Albumcharts. The Great Heathen Army konnte darüber hinaus Platzierungen an der Spitze verschiedener nordamerikanischer Genre-Charts erreichen.

Die Wikinger-Ruderer

Kaum eine andere Live-Tradition wird so unmittelbar mit Amon Amarth verbunden wie der sogenannte „Viking Row“. Dabei setzen sich die Fans während eines Konzerts auf den Boden und bewegen sich gemeinsam im Rhythmus so, als würden sie ein riesiges Wikingerschiff rudern.

Der Ursprung dieser Tradition wird häufig mit dem Amon-Amarth-Auftritt beim Bloodstock Festival 2009 in Verbindung gebracht. 2022 griff die Band das Phänomen mit dem Song „Put Your Back Into The Oar“ sogar selbst auf und Johan Hegg erklärte damals sinngemäß, dass man einen Song über das Rudern schreiben wollte – als Dank an die Fans. Damit lieferten Amon Amarth den Fans die perfekte Vorlage, um das Rudern zu starten. Dieser Moshpit-Move bleibt jedoch nie auf diesen einen Song beschränkt.

Mittlerweile ist der „Row“ längst auch über Amon Amarth hinaus zu einem bekannten Phänomen bei Metal-Konzerten geworden. Ursprünglich wird er jedoch immer mit Amon Amarth verbunden bleiben

Ein neues Kapitel auch auf der Bühne

Mit The Allfather Awakens wollen Amon Amarth nicht einfach nur ein weiteres Album veröffentlichen. Für die Band markiert jedes neue Album auch den Beginn einer neuen visuellen und musikalischen Welt. Auf der anstehenden Tour soll diese Welt auch auf der Bühne zum Leben erwachen und die Fans dürfen gespannt sein, wie das aussehen wird.

Die neue Bühnenshow orientiert sich an Odins legendärer Goldener Halle und soll die Konzerte damit unmittelbar mit der Welt von The Allfather Awakens verbinden. Nach mehr als 30 Jahren Bandgeschichte bleiben Amon Amarth ihrem Grundrezept dabei treu und vereinen große Melodien mit der nordischen Mythologie und mächtigen Hymnen.

Bewertung

★★★★★★★★★★

Trackliste

01. Gjallarhorn 02. Eight Legs of Thunder 03. Kvasir’s Blood 04. We Rule the Waves 05. Upphaf 06. Die With a War Cry 07. Raven God 08. The Allfather Awakes 09. Oden’s Hunt 10. Ascending Like an Eagle

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