Kraftklub Hamburg 2026 – Trabrennbahn Hamburg – 29.08.2026
Bilder & Bericht: Torben
So langsam neigt sich der Sommer – oder dass, was man in Norddeutschland als Sommer bezeichnen kann – dem Ende entgegen. Somit fand nun auch der Hamburger Kultursommer auf der Trabrennbahn nach sieben Konzerten und 200.000 Gästen sein Ende. Den krönenden Abschluss bildete vor 35.000 Besucher*innen die Chemnitzer Indie-Rock Band Kraftklub. Die seit Monaten ausverkaufte Show war zugleich das letzte Konzert Ihrer „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ Tour. Als Support waren Shelter Boy und die Band Blond mit von der Partie. Mehr Infos zur Location findest du hier (im Bericht zu den Toten Hosen von Ralph).
Gerne hätte Ich euch an dieser Stelle einen Absatz über Shelter Boy, einem jungen Indie- Pop Talent aus Leipzig, welcher besonders auch im Vereinigten Königreich Erfolg hat, geschrieben. Vor allem, weil ich finde, dass es einfach zum guten Ton gehören sollte, auch über die Vorbands zu berichten. Leider hat der Verkehr auf der A7 vor der Show mehr als meinen 60 Minuten Zeitpuffer gefressen, wodurch ich den Opener des Abends leider knapp verpasst habe.
Schrille Kostüme, gute Stimmung und Indie-Pop mit Blond
Blond als Support auf einem Kraftklub Konzert ist nun wirklich keine Seltenheit mehr. Der Grund dafür dürfte unter anderem in der familiären Nähe der beiden Bands zu finden sein: Während die Schwestern Nina und Lotta Kummer als Blond die Bühnen der Nation unsicher machen, sind Ihre Brüder Felix und Till als Teil von Kraftklub unterwegs.

Man könnte also fast von einem Familientreffen sprechen, insbesondere da auch Blond- Bassist Johann Bonitz schon seit Kindheitstagen mit den Kummer-Schwestern befreundet ist. Gegründet im Jahr 2011, folgte das Debüt-Album 2020, mit zwei weiteren Alben 2023 und 2025. Mit Ihrer Besetzung aus zwei Frauen und einem blinden Multiinstrumentalisten verkörpern Blond alles, was in der aktuellen Musikszene und insbesondere bei Festivals chronisch unterrepräsentiert ist. Der Stil der Band lässt sich primär als Indie-Pop einordnen, allerdings gibt es auch durchaus Nachweise für Rap wie in SB-Kassen Lover oder Oberkörperfrei – in beiden erinnert insbesondere der Part von Johann an Rapper wie Nico von KIZ. Wenn etwas an KIZ erinnert, dürfte es keine Überraschung sein, dass die Texte der Band darauf abzielen anzuecken und werden sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffen. Wer allerdings kein Problem mit Texten hat, welche polarisieren, teils vulgär sind und Tabu-Themen aufgreifen, wird an Blond seine Freude haben.
Als zweite Vorband des Abends trafen Sie auf ein bereits gut eingestelltes Publikum. Wer nun glauben möchte die Band hätte Ihren Auftritt vor 35.000 Menschen nur aufgrund der Nähe zu Kraftklub erhalten und Ihn nicht durch Ihre Musik verdient, der täuscht sich gewaltig. Die Energie des Trios, Ihre schrillen Outfits und die Tanzeinlagen erzeugen eine Bühnenperformance, die in Teilen manch anderen internationalen Star in den Schatten stellen kann, und von denen sich einige sicherlich auch mal eine Scheibe abschneiden könnten. Das Publikum ließ sich also vom ersten Song an mitnehmen und schon mit Betreten der Bühne wurde es für eine Vorband ungewohnt laut. Das Publikum war textsicher, die Stimmung durchgehend euphorisch und der Bitte nach einem Moshpit kam man vor der Bühne sofort nach. Das Set bestand aus einem bunten Mix des Kataloges der Band. Neben Pop-Songs wie “Männer” oder “Ich wär so gern gelenkiger” reihten sich auch Johanns’ “Bare Minimum” oder das schnelle und eher rockige Girl Boss. Die Auswahl kam beim Publikum sichtlich gut an, und auch in den hinteren Bereichen gab es einige Tanzeinlagen und mitsingende Fans.
Galerie Blond
Die 5 Kosmonauten aus Chemnitz
Was nun folgt, ist eine Band die ein Ausmaß angenommen hat, welches schwer zu beschreiben ist. Kraftklub, das sind 5 Männer aus Chemnitz: Till am Bass und Frontmann Felix als Leadsänger sind wie weiter oben schon beschrieben Brüder und eben auch die Brüder der beiden Blond Schwestern, dazu kommen Steffen an Gitarre und Keyboard, Karl als zweiter Sänger und Gitarrist, sowie Max am Schlagzeug. Die Band ist seit 2010 aktiv und war bereits früh als Vorband für einige große deutsche Künstler unterwegs, bevor Sie ihren Durchbruch bereits 2011 mit Ihrem Debüt-Album „Mit K“ erlebte. Noch vor Ihrem zweiten Album gründete die Band das von 2013-2019 stattfindende Kosmonaut-Festival. Darüber hinaus gab es mehrere Auftritte außerhalb Europas in Südamerika. Die Band engagiert sich regelmäßig in Aktionen gegen rechts, so z.B. als Organisatoren des „Wir sind mehr“-Konzertes in Chemnitz 2018. Auch am heutigen Abend nahm sich Felix die Zeit, einmal mehr auf die Wichtigkeit der Demokratie und dem aktuellen Rechtsruck in Deutschland einzugehen, auch wenn er glaubte niemand auf einem Kraftklub Konzert würde diese Ansprache nötig haben. Trotzdem machte er noch einmal unmissverständlich klar: Wer ein Problem mit Menschen mit Migrationshintergrund, mit queeren oder Transmenschen, oder sonst wie irgendjemanden hat auf Grundlage seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion oder ähnlichem, der hat auf einem Kraftklub Konzert nichts verloren.
Konfetti zur Eröffnung und eine Dusche für die Fotografen
Wie schon zum Rest der OpenAir-Tour und auch bei den Festivalauftritten üblich, schwebte vor Beginn der Show ein riesiges, beleuchtetes „Kraftklub Sterben in Karl- Marx-Stadt“ Schild von einem Kran neben der Bühne. Unter jenem Schild hing noch ein Countdown, der bis zum Beginn der Show runterzählte. Endlich mal keine Spekulation wie lange es denn nun noch dauern würde, bis die Band anfängt! Die Wetterlage zu diesem Zeitpunkt war zwar bewölkt, dafür aber trocken und nahezu windstill. Letzteres half vor allem dem Ton, der im Vergleich zum sehr windigen Donnerstagabend bei den Toten Hosen (hier geht es zum Bericht von Ralph) deutlich besser war, da der Schall nicht sofort weggetragen wurde. Die Show wurde wie gewohnt durch Marlboro Mann eröffnet, und damit verbunden ein Schauer aus rotem und weißem Konfetti, welches mit Druck in die Menge geblasen wurde und den Bereich über dem ersten Wellenbrecher in ein Meer aus Konfetti verwandelte.

Bereits im dritten Lied Teil dieser Band kam Frontmann Felix auf die Absperrung zum vorderen Bereich, an der extra ein Podest errichtet worden war. Damit verbunden gab es für die ersten Reihen und die anwesenden Fotografen dann auch schon die erste unangekündigte Dusche des Abends. Sollte der Regen erst gegen 21:30 einsetzen, testete Felix mit seiner Wasserflasche schon einmal, ob denn alle Anwesenden und das Equipment einem kleinen Schauer aushalten würden. Frisch geduscht wurde die Menge mit Ich will nicht nach Berlin, Fahr mit mir (4×4) und Unsterblich sein weiter aufgeheizt.
Ein Teaser für den 16.09. 16Uhr
Ungesehen von fast allen kommt es zwischen Unsterblich sein (*) und Halts Maul und spiel zu einem unsäglichen Akt von Vandalismus: Direkt vor den Augen von Frontmann Felix sprayt jemand etwas auf eine Absperrplane: 16.09. 16 UHR. Der Täter kann entkommen, Felix kann aber eine Beschreibung abgeben. Was sich hinter diesem Datum versteckt? Wir werden es wohl erst zum angekündigten Zeitpunkt erfahren. Während manch einer bereits auf das nächste Studioalbum oder sogar die erste neue Single hofft, gingen andere Tipps in Richtung neuer Konzerttermine oder ein Comeback von Frontmann Felix’ Solo-Alias Kummer. Nachdem das erste und bisher einzige Live- Album der Band noch dieses Jahr 11 Jahre alt wird, stünde auch ein neues Live-Album zur Debatte.

Doch sollte man auch nicht vergessen, dass am 16.09. das Reeperbahn Festival in Hamburg startet und Kraftklub auch hier wieder dabei sein könnten. Das würde zumindest erklären, wieso der Teaser in Hamburg kam und nicht schon vorher bei der „Heim“-Show in Berlin. An diesem kleinen Ausflug in den Rand des Publikums wurde auch einmal mehr klar, wie respektvoll der Umgang zwischen Fans und Band ist. Bereits vor einigen Jahren kam die Band bei einem Konzert in der Sporthalle direkt an unserem Plätzen vorbei, und hatte dort auf die Fans geachtet, während die Fans ebenso darauf achteten, nicht groß im Weg zu stehen oder Selfies hinterherzujagen, um den Ablauf nicht zu stören. Auch heute ging es entspannt zur Sache. Ein paar Leute (so auch Ich) standen in direkter Umgebung und zückten das Handy zum Filmen, einige kamen entspannt herübergegangen, aber niemand kam auf die Idee eine Traube um Felix zu bilden oder Ihm und dem Kameramann im Weg zu stehen.
Zwischen Katzenklavier, Rap-Konzert und Deichkind
Doch genug des Nebengeplänkels: Was nun folgte war der vermutlich größte Running Gag der gesamten Tournee und ein Lied, was bald auf einem Level mit „Randale“ stehen könnte. Natürlich kann es sich um nichts anderes als „Kippenautomat“ handeln.
Während die Band bei „Songs für Liam“ selbst noch darüber gesungen hat, dass im Radio zum dritten Mal dasselbe Lied käme, könnte man auf Ihren Konzerten inzwischen sagen: Und dieses Lied heißt Kippenautomat, oftmals angestimmt von Teilen des Publikums. Als wäre der Witz mit dem konstanten DÖP DÖP DÖP DÖP nicht schon genug auf vorigen Konzerten gewesen, hat sich die Band im Laufe der Tour noch ein Katzenklavier angeeignet, welches per Seil vom oberen Ende der Bühne heruntergelassen wurde, als wäre es die Ankunft der Prophezeiung. So wird also aus dem DÖP DÖP DÖP DÖP zur Eröffnung des Liedes ein MIAU MIAU MIAU MIAU.

Klingt kindisch? Vielleicht. Ist aber auch wahnsinnig witzig, wenn man es mal gesehen hat. In
der Folge der restlichen Show kam es ebenfalls wie üblich zum Einsatz des Glücksrads, heute angeschwungen von einem Kind namens Hannes, der sich zu seinem Geburtstag gerne „500K“ gewünscht hat. Zu seinem Unglück landete das Rad auf dem Feld Zaubertrick, allerdings hatte Steffen heute einen ganz besonderen Zaubertrick mit dabei: Das Glücksrad drehte sich (fast) wie von allein noch weiter auf „500K“: Für Kraftklub recht untypisch ein reiner Rap-Song, gerappt von Felix und Till. Man sollte nun aber nicht glauben, etwas, was nicht Rock ist, würde der Stimmung einen Abbruch tun. Ganz im Gegenteil. Die Crowd nimmt das Geschenk dankend an und mit den Gebrüdern Kummer auf dem Holzpodest vor der Bühne verwandelt sich die Trabrennbahn in ein waschechtes Rap-Konzert. Alle Hände nach oben, und alle im Beat. Ein kurzer Cameo von Blond zu „So schön“ und ein Feuerwerk an Energie mit „Wie Ich“ später, geht es für
die Band Richtung B-Stage im ersten Wellenbrecher.
Währenddessen läuft ein Video von Deichkind, welches unmissverständlich macht: Jetzt kommt Zeit aus dem Fenster. Auf
der B-Stage erscheinen dann nicht nur die Männer von Kraftklub, sondern mit einer riesigen „Opas gegen rechts“ Flagge auch noch Deichkind höchstpersönlich. Doch damit nicht genug: Im Anschluss an das gemeinsame Lied ließ man sich die Gelegenheit nicht nehmen, den Deichkind Song Remmidemmi zu performen, was das ganze Gelände erneut zum Überkochen brachte und noch lauter mitgesungen wurde als 500K nur wenige Minuten vorher.

Vom Regen der zwischenzeitlich fast schon poetisch bei der Zeile „Wenn sich nie etwas ändert, außer dem Wetter vor meinem Fenster“ aus „Wie ich“ eingesetzt hatte ließ sich keiner hier die Stimmung verderben. Der Abend neigte sich langsam dem Ende zu, doch Kraftklub denken gar nicht daran hier auch nur ansatzweise die Luft rausgehen zu lassen. Stattdessen gab es noch einige Highlights aus dem Repertoire der Band, unter anderem mit Schüsse in die Luft.
Randale war wie üblich eins der absoluten Lieblinge der Fans: Dieser Song hat es nie offiziell auf ein Album geschafft (abgesehen vom gleichnamigen Live-Album), aber es gibt keine Studioversion. Und trotzdem weiß fast jeder im Publikum den Text und auch wie der Ablauf ist: Alle setzen sich hin, und beim Drop wird alles in die Luft geworfen, was einem so in die Finger kommt, um dann das gesamte Gelände in einen einzigen Moshpit zu verwandeln. Zum Ende von Randale wurde weiter hinten in der Menge noch ein einzelner Bengalo gezündet, welches Felix mit einem lauten „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ kommentierte, während die Band die Bühne für die anstehende Zugabe verließ.
Die Zugabe enthielt zwei weitere Highlights mit Wenn ich tot bin, fang ich wieder an und Ein Song reicht. Den Abschluss dieses fulminanten Abends bildete dann der wohl bekannteste Song der Band: „Songs für Liam“. Im Konfettiregen ging es für Frontmann Felix noch zum Bad in die Menge, bevor der Auftritt von Kraftklub nach knapp 2 Stunden endete.
Galerie Kraftklub
Fazit
Kraftklub wird von vielen als eine der besten deutschen Livebands angepriesen und dass auch zurecht. Sie gehören zu den wenigen Bands, die von Sekunde eins an die Menge zum Kochen bringen können und die eigentlich gar keine Vorband nötig hätten. Für eine Indie-Rock Band mit Rap-Einfluss gibt es bei Kraftklub mehr Moshpits als bei manchem Metal-Headliner und die grandiose Stimmung während des Konzertes ist nahezu unerreicht. Auch heute wurde von links nach rechts, von vorne bis hinten, in allen Bereichen des Geländes gesungen, getanzt und gemosht. Die Fans kennen die Texte in- und auswendig und sind sich nicht zu schade diese lautstark mitzusingen.
Gleichzeitig ist das Verhalten untereinander stets respektvoll: Wer einen Safespace sucht, um ausgelassen feiern zu können, und sich sicher sein will, dass alle aufeinander aufpassen, und niemand einen blöd anmacht, weil man nicht tanzen kann, der ist bei einer Kraftklub-Show an der richtigen Adresse. Auch das wurde einmal mehr klar, als Felix die Show zwischenzeitlich wegen eines möglichen medizinischen Notfalls im ersten Wellenbrecher sofort unterbrach und auch erst weitermachte, als das okay aus der Menge kam. Auch wenn man Kraftklub schon 10-mal gesehen hat, wird es einem nicht langweilig. Das gesamte Feeling nimmt einem immer wieder aufs Neue mit, und der einzige Wehrmutstropfen des Abends war, dass er irgendwann einmal enden musste. Auf die Frage, ob die Fans noch 2,3,4,5 Stunden weitermachen könnten, kam ein sehr deutliches „Ja!“ als Antwort. Die Organisation auf der Trabrennbahn war gut, auch wenn sich die Anfahrt – egal ob mit Auto oder ÖPNV – schwierig gestaltet, und sich die Preise für die Gastronomie eher am oberen Ende ansiedeln. Etwas unklar scheint aktuell zu sein, ob und wie es im kommenden Jahr weitergeht. Laut der Caption des Instagram Beitrags des ndrhamburg zum Konzert soll bereits jetzt Schluss sein mit Konzerten auf der Trabrennbahn.
Was Kraftklub angeht, ist die Tour nun leider vorbei. Nach diesem Abend wäre ich sehr gerne noch ein zweites Mal in diesem Jahr hingegangen, aber die nächste Tour wird bestimmt folgen. Wer Kraftklub noch nicht live gesehen hat und auch nur im Ansatz etwas für Indie-Rock übrighat, sollte sich unbedingt einmal die Show der Chemnitzer anschauen. Was nun hinter dem Teaser für den 16.09. 16 Uhr stecket? Stay tuned – wir halten euch auf dem Laufenden.
Weitere Konzertberichte gibt es hier.










































